Wie gründe ich eine Gemeinschaft?

11. Januar 2017 Lesezeit:

"Wer A sagt, muss auch B sagen", schrieben wir in der Vorankündigung dieses Artikels. Doch bevor wir den Siegeszug der WWG (Wohn- und WirkensGemeinschaft) und Gemilie (Gemeinschaft mit familiären Verantwortlichkeiten) antreten, betrachten wir doch einmal wohlwollend, aber nüchtern, die üblichen Gemeinschaftskonstruktionen der Gegenwart, welche landläufig als höchster Stand der Entwicklung propagiert werden.

Da wäre vornweg die Eigentümergemeinschaft. 

Eine übliche Sicherung des eigenen Wohnraums durch den Erwerb eines Teils einer Immobilie in einem Wohnhaus. So ein gekauftes Zuhause ist ja auf Dauer gedacht. Das denken alle im Haus. Das sollte ja verbinden. Deswegen verwaltet man in der Regel die Immobilie gemeinschaftlich und hält zweimal im Jahr Eigentümerversammlungen ab. Die Mitbewohnenden sind in der Regel recht homogen in der selben sozialen Schicht angesiedelt – das regelt der Kaufpreis und die Größe der Wohnungen. Gleiches gesellt sich zum Gleichen – das müsste doch ein Erfolgsrezept ausmachen, meint man... In Wirklichkeit lautet die Empfehlung beim Kauf einer solchen Wohnung in einer Eigentümergemeinschaft – im Paket sogleich eine hoch angesetzte Rechtsschutzversicherung abzuschließen. Der Gerechtigkeitssinn von Eigentümern dieser Kategorie ist äußerst unterschiedlich ausgeprägt und das Verständnis von "gemein" bzw. "privat" muss erst in langjährigen Rechtsstreitigkeiten untereinander ausgefochten werden. 

In keiner Gemeinschaftsform sind die Pro-Kopf-Anwaltskosten so hoch wie bei einer Eigentümergemeinschaft. Am Ende zieht man sich auf seine symbolischen vier Wände zurück und lässt sich bei den Eigentümerversammlungen durch einen Juristen vertreten.

Bei den Baugruppen hingegen findet der Annäherungsprozess wesentlich "unblutiger" während des Gemeinschaftsbildungsprozesses statt. Dieser dauert in der Regel zwischen zwei und sechs Jahren. Dann beginnt erst der Bau. Da man sich in der Vorplanungs- und Planungsphase im Schnitt etwa einmal die Woche trifft und das eine oder andere Wochenende gemeinsam verbringt, steht die Sympathie in der Baugruppe am Ende höher als der wirtschaftliche Vorteil. So eine lange Vorlaufphase sowie das Wunder des Entstehens eines gemeinsamen Hauses schweißen zusammen. Und die gemeinsamen Vorsätze zu gemeinschaftlichen Unternehmungen nach dem Einzug klingen zuerst beinahe wie das Paradies auf Erden.

Die Realität lehrt uns, dass nach diesem gemeinsamen Projekt des Hausbaus schlussendlich doch jeder wieder seinem Leben nachgeht, sich seiner Familie widmet, um die eigenen Kinder kümmert, Karriere macht... Aus den vielen geplanten gemeinsamen Unternehmungen vom Weihnacht-Feiern bis Kino-Abend bleibt schlussendlich das obligatorische Sommerfest (für die Kinder) übrig und der literarische Kamin-Abend in dem ansonsten überwiegend leerstehenden Gemeinschaftssaal. Der gewünschte gemeinsame Betrieb der erdgeschossigen Gewerbeflächen als Nachbarschaftscafé, Copy-Shop oder kleine Galerie wird in der Regel noch in der Bauphase wegen anwachsender Überforderung aufgegeben und zugunsten einer Finanzierungssicherheit an einen solventen Mieter fremdvergeben.

Das wesentlichste Problem an der Baugruppe ist eine Homogenität der Altersstruktur. Die meisten sind zwischen Mitte 30 und Ende 40 und haben kleine Kinder. 10 bis 15 Jahre später sind die Kinder ausgezogen und die Bewohnenden gehören zu den sogenannten Best-Agern unserer Gesellschaft. Hier entsteht jetzt das Nachwuchsproblem. Junge Familien mit Kindern, so wie sie selbst vor 15 Jahren waren, wollen nicht in ihr Haus ziehen. Sie wollen natürlich mit Ihresgleichen zusammen bauen. Andere Senioren will man dann in der Regel auch nicht haben. Denen fehlen ja 15 bis 20 Jahre Gemeinschaftsbildungsprozess, den man selbst inzwischen intus hat. So schlägt man also die ehemaligen Kinderzimmer dem großzügig werdenden Wohnraum zu oder richtet sich ein Büro, Meditations- bzw. Musikzimmer ein. Die klassischen Baugruppen in den Ballungszentren sind aus meiner persönlichen Beobachtung "tickende Altersheime".
Ich unterlasse an dieser Stelle die detaillierte Betrachtung von noch sozial homogeneren Konstruktionen wie Wagenburgen. 

Bei der Betrachtung der aktuell angestrebten Gemeinschaftskonstruktionen um einen Wohnort herum, kristallisieren sich ein paar Grundwerte heraus, deren Abhandenkommen das Aussterben des Gemeinschaftssinns zur Folge hat – ergo, diese fundamental wichtig für den Erhalt einer langanhaltenden Gemeinschaft sein müssen.

Diese Werte sind vor allem:

das gemeinsame Tun. Solange ein Projekt in Planung, Vorbereitung, also im Entstehen begriffen ist, richtet sich der Geist der Aufmerksamkeit der Teilnehmenden gemeinschaftlich aus. Gemeinsames schaffen, schafft also Gemeinschaft. Dabei ist es gleichermaßen heilsam, sowohl einen wirtschaftlichen Zweckbetrieb zur flankierenden Deckung der Zins- und Tilgungsbelastung zu entwickeln, als auch eine gemeinnützige Organisation zu gründen. Diese engagiert sich dann zum Beispiel kulturpolitisch im Bezirk. Wichtig ist dabei, dass alle Parteien des Hauses daran mitwirken und zwar nur im Rahmen ihrer Möglichkeiten und Potentiale. 

Aus therapeutisch bzw. spirituell ausgerichteten Gemeinschaften wissen wir, dass eine regelmäßige Arbeit der Gruppe nach innen den Solidar-Geist frisch erhält. Dabei wird man sich automatisch seiner hemmenden Glaubenssätze immer bewusster und erkennt und entwickelt noch schlummernde Potentiale. 

Und natürlich das Nachwuchs-Thema. Diese Thematik sollte möglichst konzeptionell gelöst sein, bevor Finanzmittel fließen. Wir sprechen alle so gern von Nachhaltigkeit unserer Absichten, vom Denken in Kreisläufen und nicht zuletzt von der Enkeltauglichkeit unseren Tuns. Dafür darf man gern rechtzeitig Verantwortung übernehmen.

Werden wir dem Anspruch der Verschmelzung aller drei Positionen in einer Gemeinschaftskonstruktion gerecht, so rutschen wir sehr nah an die WWG. Setzen wir noch ein paar heroische Ziele hinzu, dann landen wir gar bei der Gemilie. 

So, nun ist es soweit, im nächsten Artikel stehen diese beiden auf der Bühne und haben ihren Auftritt.

Autoren

DerPHILANTHROPIANIER

Der Architekt und Inhaber einer Berliner Tango-Schule Markus Peter Ibrom schreibt unter verschiedenen Pseudonymen. Er initiiert und betreut Wohn- und WirkensGemeinschaften seit gut einem Dutzend Jahre. Als Visionär setzt er sich praktisch für die Verwirklichung des Wahlverwandtschaftsgedankens ein. www.IFEGG.de

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