Schöne Aussichten fürs Alter

12. Mai 2016 Lesezeit:

Tiedoli. Im Jahr 2004 hat die Autorin Dorette Deutsch in Italien ein Projekt kennengelernt, das ihren Blick auf das Alter grundsätzlich verändert hat. In einem kleinen Dorf mit damals nur 32 Einwohnern wurden die älteren Menschen im wörtlichen Sinn in den Mittelpunkt des Dorflebens gerückt.

Foto:  Die Kirche von Tiedoli
Foto: Die Kirche von Tiedoli

Neue Nachbarschaften und erfolgreiche Ideen für die Betreuung Älterer

 

Vor etwa zehn Jahren habe ich in der norditalienischen Region Emilia-Romagna ein erfolgreiches Pilotprojekt für die Betreuung älterer Menschen kennengelernt, das eine Perspektive für viele europäische Regionen aufzeigt. Das winzige Tiedoli mit damals 32 Einwohnern, zur Kreissstadt Borgotaro gehörend, war vom Aussterben bedroht. Es bot jedoch gute architektonische Voraussetzungen, um hier einen Modellversuch zu starten.

Halbverfallene Häuser im Ortszentrum, die sich im Besitz der Kirche befanden, wurden in sechs barrierefreie Appartments für 1-2 BewohnerInnen unterteilt und saniert. Die Kosten der Sanierung waren mit etwa 350 000 Euro für alle sechs Appartments überschaubar . Gegenüber der Appartments wurde eine Sozialstation errichtet. Hier sollte die Hilfe für die älteren Bewohner bei Bedarf 24 Stunden am Tag abrufbar sein. Das Konzept der „Case di Tiedoli“ sah vor, dass die BewohnerInnen individuell über die Betreuung entscheiden können, die täglich in Anspruch genommen wird. Bewohnerin Marcella lebt im Sommer auf ihrem eigenen Hof und braucht nur in der kalten Jahreszeit Unterstützung, wenn ihr Haus oft eingeschneit ist. Sie genießt die Gesellschaft der anderen, während sie in den warmen Monaten genug Hilfe von der Familie erfährt. Im Sommer wird ihr Appartment dann für Kurzzeitpflege genutzt. In Tiedoli leben die BewohnerInnen so, wie es den eigenen Gewohnheiten und Vorlieben entspricht. 

In dem kleinen Dorf Tiedoli wurden die alten Menschen im wörtlichen Sinn in die Mitte der Gesellschaft gerückt. Ihr Leben findet nicht ausgegrenzt von gesellschaftlichen Abläufen, sondern im gelebten Miteinander der Generationen statt. Die Kosten für Miete und Betreuung betragen etwa 900 Euro. Vertragspartnerin für den Wohnraum ist die Kommune, die Pflege wird von der Kooperative Aurora geleistet. Dieser Betrag kommt auch durch die relativ niedrige Sozialmiete von 150 Euro pro Appartment zustande. Auch wenn diese Zahlen nicht eins zu eins auf deutsche Verhältnisse übertragbar sind, so wurden in Tiedoli starre Betreuungsstrukturen erfolgreich aufgebrochen.

Foto: Le case di Tiedoli
Foto: Le case di Tiedoli

Von Anfang an war es Ziel des Projekts, durch den Verbleib der alten Menschen im Dorf auch das Leben für die junge Generation wieder möglich zu machen. Wir vergessen meist, dass Infrastruktur entzogen wird, wenn alte Menschen ins Altenheim gehen. In den letzten Jahren sind junge Familien nach Tiedoli gezogen und haben Arbeit in der ökologischen Landwirtschaft oder in der Dienstleistung gefunden. Die „jungen Alten“ die Generation der heute Fünfzig- bis Sechzigjährigen, zieht es zusehends hierher, mit der Gewissheit, im Ort Sicherheit im Alter zu finden. Zahlreiche aufgegebene Höfe wurden in den letzten Jahren saniert. Es gibt einen „Pronto-Bus“ in das zwanzig Minuten entfernte Borgotaro, es gibt einen Kulturverein mit kleinem Café, der dörfliche Feste ausrichtet und Dreh- und Angelpunkt des Dorflebens ist. Das Projekt Tiedoli ist bis heute deshalb so einmalig, weil durch die alten Menschen im Dorf auch Arbeitsplätze für junge Leute - nicht in Pflegeberufen - entstanden sind.

„Le case di Tiedoli“ sind ein erfolgreiches „Quartierskonzept“, das auf vier gleichberechtigten Pfeilern beruht: Der Kommune, dem ambulanten Pflegedienst, der Pfarrgemeinde und dem Ehrenamt.

Drei grundsätzliche Botschaften gehen von diesem Projekt aus: Wo die älteren Menschen in die Mitte der Gesellschaft gerückt werden, kann ein neues Zusammenleben der Generationen entstehen. Mit den Defiziten des Alters kann man leben, wenn unterstützende Hilfe bereit steht. Und schließlich: Wo der politische Wille da ist, ist alles möglich.

Foto: Le case di Tiedoli
Foto: Le case di Tiedoli
Informationen zum Projekt:

Wohnprojekt Le case di Tiedoli

Ort: Tiedoli/Borgotaro, Norditalien

Derzeitige Bewohner: 12, nur für Ortsansässige.

Kosten monatlich (inkl. Miete): 950-1000 Eur (auf der Basis der ital. Sozialmiete von 150 Eur)

Betreuung: 24 –Stunden Präsenz durch Alltagsbegleiterin für hauswirtschaftliche Tätigkeiten (kochen etc) und persönliche Betreuung.

Drei-bis viermal pro Woche: Hauswirtschafterin

Zwei-bis dreimal pro Woche: Betreuung von Grupenaktivitäten (Basteln, Katen spielen, Gartenarbeit im Sommer)

Bücher zum Thema Alter von der Buchautorin Dorette Deutsch

Schöne Aussichten fürs Alter. Wie ein italienisches Dorf unser Leben verändern kann. (Piper München 2006. Ebook 2015)

Lebensträume kennen kein Alter. Neue Ideen für das Zusammenwohnen in der Zukunft. (Krüger Frankfurt/M. 2007)

Zuletzt erschien, unter ihrem italienischen Namen Margherita Balbi, der Roman „Das Olivenhaus“, in dem es auch um die Liebe im Alter geht.

Autoren

Dorette Deutsch

Die Journalistin und Buchautorin, lebt in München und Vernazza/Italien. Sie beschäftigt sich in ihren Büchern und Vorträgen mit dem Thema Alter, seitdem sie das Pilotprojekt Tiedoli kennengelernt hat. www.dorette-deutsch.de

Maria Teresa Ferrari

Alle Fotos in diesem Artikel sind von Maria Teresa Ferrari, Comune Borgotaro zur Verfügung gestellt worden.
© Maria Teresa Ferrari
Alle Rechte vorbehalten.

Karin Demming

Als leidenschaftliches Kommunikationstalent ist die Wahl-Leipzigerin in vielen Netzwerken ein gern gesehener Gast. Die Ideengeberin kommt ursprünglich aus dem sozialen Bereich.

Weitere Artikel