Fakir-Sandwich an Statistik-Salat

3. August 2016 Lesezeit:

Wie ist es bei Ihnen? Denken Sie mal kurz darüber nach, in welchem Alter sich ihre Eltern um deren ggf. pflegebedürftigen Eltern kümmern mussten? Und wie alt waren ihre Großeltern, als diese sich wiederum um Ihre alten Urgroßeltern kümmern mussten?

Drei Dinge haben sich bei meiner persönlichen Analyse der letzten drei Generationen signifikant geändert:

1. Das Alter der „Erstgebärenden“

Während die Generation unserer Großmütter aufgrund der „Keuschheitsgesetze“, mangelnder Verhütungsmaßnahmen und häufig vernachlässigtem Bildungsstand schon Anfang 20 das erste Kind bekamen, war meine Mutter mit 24 Jahren immerhin auch noch ganze sieben Jahre jünger als ich bei der Geburt meines ersten Kindes. Meine Oma war also mit der Hege und Pflege der Nachkommenschaft ganze 10 Jahre eher durch als ich! Meine persönlichen Daten decken sich weitestgehend mit der bundesdeutschen Statistik.

Hinzu kommt, dass die Verweildauer im elterlichen Wohnverband der eigenen Kinder heutzutage im Schnitt länger ist als früher, da auch wesentlich mehr Kinder Abitur machen als noch vor 30 Jahren. Die Nachkriegsmütter hatten also mit 40 Jahren nichts mehr mit dem eigenen Nachwuchs am Halse. Oftmals konnten sie sich dafür um die Enkel kümmern, da sie zumeist keine eigene Beschäftigung hatten, was bei den heutigen Omis oft anders ist.

2. Die steigende Lebenserwartung

Erfreulicherweise ist die Lebenserwartung seit den 1950er Jahren um ganze 15 Jahre gestiegen. Der aufmerksame Beobachter merkt aber, dass ein höheres Alter auch oft einhergeht mit gesteigertem Hilfebedarf bis hin zu Pflegeerfordernis. Leider ist eine höhere Lebenserwartung nicht gleichbedeutend mit gleichbleibender Lebensqualität. Dies gilt nicht nur für die betroffenen Alten selbst, sondern auch für verantwortliche Kinder, die sich kümmern müssen.

Um es einmal krass zu formulieren: Wurde früher ein Mensch zum Pflegefall, verstarb diese Person häufig an einer Lungenentzündung. Mit der stets verbessernden medizinischen Versorgung und klinischem Fortschritt verlängert sich ein Leben und somit auch bei dem ein oder anderen die Pflegezeit. Dies mag pietätlos klingen, aber ist es nicht sachlich betrachtet die nüchterne Wahrheit?

Meine Großeltern mussten ihre eigenen Eltern ungefähr zwei Wochen pflegen. Meine Eltern die eigenen Eltern im Schnitt schon 4 Jahre. Und meine Eltern sind leider seit 10 Jahren hilfe- und pflegebedürftig. Dass das Thema eines ist, sieht man an erfolgreichen Buchtiteln wie „Mutter, wann stirbst Du endlich“.

3. Das Auseinanderbrechen der Großfamilien-Struktur

Früher war es Gang und Gebe, dass Opa bei der Firma in Rente ging, bei der er auch seine Ausbildung gemacht hatte. Oma wohnte ihr Leben lang im gleichen Ort. Wie fast alle Generationen davor. Doch das änderte sich immer mehr: die Fluktuationsraten in den Unternehmen ist höher geworden, die Berufsbilder ändern sich und heutzutage sind es nicht mehr nur nationale Umzüge sondern gar Arbeitsstellen im Ausland, die uns wie Nomaden durch die Welt ziehen lassen. So können sich weder Oma und Opa um ihre Enkel kümmern und die Eltern entlasten und hilfebedürftige Senioren stehen auch oft allein da.

Daraus ergibt sich für die mittlere Generation eine belastende Sandwich-Situation: die eigenen Kinder sind noch im Haus und zu versorgen und zudem die zunehmend hilfebedürftigen Elterngeneration. Nebenher muss man noch volle Leistung im Job bringen und in einer stark beschleunigten Gesellschaft auch auf sich selbst achten, damit man fit, dynamisch, gesund, gutaussehend und bildungstechnisch auf dem neuesten Stand bleibt.

Wegen all dieser Umstände ist es einfach nur intelligent, mit neuen Konzepten auf den Strukturwandel zu reagieren. Wir sollten neue Gemeinschaften gründen und uns gegenseitig helfen. Wir sollten achtsam sein und Synergien nutzen. Zum Beispiel könnten Haushaltführende Einkaufs- und Kochgemeinschaften gründen.

Ob man nur für sich einkauft oder noch für andere: kaum Mehraufwand. Ob man nur für sich kocht oder direkt ein paar Portionen mehr macht: kaum Mehraufwand. In dieser Zeit muss der andere nicht los, muss nicht selbst kochen und bei sich die Küche wieder auf Vordermann bringen. Am einfachsten gehen solche Projekte, wenn man auch räumlich bei einander wohnt in Hausgemeinschaften.

Wenn es gelingt, kleine Einheiten zu gründen, die allen das Leben leichter machen, dann wird unsere Welt lebenswerter. Wir haben das selbst in der Hand!

Autoren

Katharina Cruse

Die im Raum Köln-Bonn lebende Marketing-Managerin arbeitet u.a. für Modehandelsunternehmen und als Freelancerin für Werbeagenturen sowie als freie Autorin.

Karin Demming

Die Wahl-Leipzigerin kommt ursprünglich aus dem sozialen Bereich und wechselte später in die Immobilienwirtschaft. Ihr Fokus liegt hauptsächlich auf den Grundbedürfnissen der Menschen und deren Lebensraum. Aus den Erfahrungen ihrer beruflichen Stationen entstand die Idee für bring-together.

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